Pretty Woman für Realisten

Die zweit­gröss­te Lie­be : Ro­man / Ruth-Ma­ria Tho­mas. — Mün­chen : dtv, 2026. (978–3‑423–28576‑6)

Der Wunsch nach ei­nem Le­ben ohne fi­nan­zi­el­le Sor­gen mit ei­nem Mann, der ei­nem Mär­chen­prinz äh­nelt, – ein un­aus­ge­spro­che­ner Traum, den Frau­en im Zeit­al­ter von Selbst­be­stim­mung nicht laut aus­spre­chen, da in­op­por­tun und un­pas­send. Aber be­trach­tet man den Rie­sen­er­folg, den der Film «Pret­ty Wo­man» und die Book­Tok-Me­di­en mit ent­spre­chen­den Tro­pes ver­zeich­nen, kommt man nicht um­hin, an die­ser ver­meint­li­chen Rea­li­tät zu zwei­feln. Auf­fal­lend ist, dass in vie­len kürz­lich ver­öf­fent­lich­ten Ro­ma­nen die so­zia­len Un­ter­schie­de, ein­her­ge­hend mit Hoch­sta­pe­lei, eine gros­se Rol­le spie­len. Bei Emma Cli­ne (Die Ein­la­dung) ist die Prot­ago­nis­tin ex­pli­zit dar­auf aus, sich mit rei­chen Män­nern ein­zu­las­sen, um an de­ren Lu­xus­le­ben teil­zu­ha­ben. Auch Ca­ro­li­ne Wahls Hel­din Sa­ma­ra (1999 Me­ter über dem Meer) er­fin­det ver­schie­de­ne Iden­ti­tä­ten und nimmt mehr oder we­ni­ger un­frei­wil­lig an der Welt der Su­per­rei­chen teil. Bei Ruth-Tho­mas ist es Scham, nicht Hoch­sta­pe­lei, die die Ro­man­hel­din ihre Her­kunft ver­leug­nen lässt.

In ih­rem zwei­ten Ro­man schreibt Tho­mas er­neut über eine zum Schei­tern ver­ur­teil­te Lie­bes­ge­schich­te. Wäh­rend ihr Erst­ling und Best­sel­ler «Die schöns­te Ver­si­on» von häus­li­cher Ge­walt han­del­te, ste­hen im ak­tu­el­len Ro­man «Klas­sen­un­ter­schie­de» im Vor­der­grund. Es geht um die Be­zie­hung zwi­schen der Ho­tel­re­zep­tio­nis­tin Mi­chel­le und dem wohl­ha­ben­den Hen­ry, die aber schon bald auf­grund un­ter­schied­li­cher Le­bens­rea­li­tä­ten auf die Pro­be ge­stellt wird. Dass die Au­torin als So­zi­al­ar­bei­te­rin wirk­te, wi­der­spie­gelt sich an der ge­sell­schafts­po­li­ti­schen The­men­aus­wahl. Es sind die «fei­nen Un­ter­schie­de», die bald un­über­wind­ba­re Grä­ben zwi­schen Hen­ry und Mi­chel­le auf­klaf­fen las­sen. Mi­chel­le stammt aus Ost­deutsch­land, wo sie be­ruf­lich ge­schei­tert ist, und nun im Wes­ten ei­nen schwie­ri­gen Neu­an­fang star­tet. Hen­ry kommt aus ge­ho­be­nen bür­ger­li­chen Ver­hält­nis­sen. Geld ist kein The­ma, wor­über man spricht.

Das stän­di­ge «Mit­den­ken müs­sen» von Geld

Für Mi­chel­le kos­tet das Le­ben En­er­gie. Frei­zeit, Es­sen: al­les ist mit exis­ten­ti­el­len Geld­sor­gen ver­knüpft. Ob­wohl Hen­ry als für­sorg­li­cher und lie­be­vol­ler Part­ner be­schrie­ben wird, ent­steht durch das fi­nan­zi­el­le Ge­fäl­le eine un­be­wuss­te Macht­struk­tur. Die Klas­sen­un­ter­schie­de zei­gen sich aber auch dar­in, wie un­ter­schied­lich emo­tio­na­ler Schmerz ge­wer­tet wird.

Mi­chel­le wirkt zu­wei­len em­pa­thie­los und kalt, ja be­rech­nend. Man er­fährt, dass sie eine sehr har­te Kind­heit mit we­nig Licht­bli­cken hin­ter sich hat. Ihr Le­ben ist von Ängs­ten und fi­nan­zi­el­len Sor­gen ge­zeich­net, die ihr eine be­din­gungs­lo­se Lie­be un­mög­lich ma­chen. Hen­ry durch­leb­te zwar auch schwie­ri­ge Mo­men­te in sei­ner Kind­heit, aber er ist ein­ge­bet­tet in Für­sor­ge und fi­nan­zi­el­le Un­ab­hän­gig­keit. Dies er­mög­licht ihm be­din­gungs­lo­se Lie­be und Em­pa­thie. Geld macht glück­lich – das merkt Mi­chel­le sehr schnell, aber sie möch­te un­ab­hän­gig blei­ben und hält Hen­ry hin. Ihre Art, ihre Spra­che und ihr Um­gang wir­ken zu­wei­len ab­stos­send und rup­pig, aber Hen­ry braucht sie, um sein Le­ben strah­len­der zu ma­chen, weil sie die Din­ge lei­den­schaft­lich an­geht und nichts für sie selbst­ver­ständ­lich ist. Sie braucht Hen­ry je­doch, um ihr Fun­keln zu ent­fal­ten.

Die The­men Ar­mut, Kor­rum­pier­bar­keit, Ver­liebt­sein und kur­zes Glück wer­den ohne Sen­ti­men­ta­li­tät und mit Prä­zi­si­on er­zählt.

Um es gleich vor­weg­zu­neh­men: Der Ro­man en­det nicht in der Ret­tung der Prin­zes­sin im «Turm» durch den Prin­zen wie in «Pret­ty Wo­man». Wir le­ben schliess­lich in ei­ner mo­der­nen und eman­zi­pier­ten Welt…

Cor­ne­lia Schmid­li, Bi­blio­thek Schwell­brunn