Zart, eindringlich und voller menschlicher Tiefe

Das Ge­schenk des Mee­res : Ro­man / Ju­lia R. Kel­ly ; aus dem Eng­li­schen von Clau­dia Feld­mann. – Ham­burg : mare, 2025. (978–3‑86648–748‑2)

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Schott­land, in ei­ner kal­ten Win­ter­nacht im Jah­re 1900. Am Strand wird ein be­wusst­lo­ser Jun­ge an­ge­schwemmt. Der Fi­scher Jo­seph fin­det ihn und trägt ihn ins Dorf Sker­ry. Das Kind sieht aus wie der ver­miss­te Sohn der Leh­re­rin Do­ro­thy, der vor vie­len Jah­ren im Meer ver­schwand. Im Dorf herrscht Fas­sungs­lo­sig­keit. Aus­ge­rech­net Do­ro­thy nimmt den Jun­gen bei sich auf, bis sei­ne Her­kunft ge­klärt ist. Dorothy’s Le­bens­weg ist von Ver­lus­ten ge­prägt und in der Dorf­ge­mein­schaft nimmt sie die Rol­le ei­ner Aus­sen­sei­te­rin ein. Teils hat sie sich die­se selbst auf­er­legt, teils wird sie ihr durch die star­ren so­zia­len Struk­tu­ren des Or­tes zu­ge­wie­sen. Eine Frau mit Ecken und Kan­ten, die man ger­ne zwi­schen­durch wach­rüt­teln möch­te. Sie ist je­doch sehr au­then­tisch. Lang ver­dräng­te Ge­heim­nis­se wer­den wie­der le­ben­dig. War­um wur­den Do­ro­thy und der Fi­scher Jo­seph nie ein Paar, ob­wohl es of­fen­sicht­lich ist, dass sie sich lie­ben? Im Dorf wächst die Un­ru­he.

Er­grei­fen­des Buch, das tief be­rührt

Das Ge­schenk des Mee­res er­zählt von Er­in­ne­rung, Ver­lust und der vor­sich­ti­gen Hoff­nung auf ei­nen Neu­an­fang. Es ist eine wun­der­schön zeit­lo­se Ge­schich­te. Men­schen ste­hen im Mit­tel­punkt, die durch Krieg, Tren­nung und per­sön­li­che Schick­sals­schlä­ge ge­prägt sind und ver­su­chen, wie­der Halt im Le­ben zu fin­den. Die raue Küs­ten­land­schaft und das Meer spie­len da­bei eine wich­ti­ge sym­bo­li­sche Rol­le. Sie wir­ken trös­tend, ge­heim­nis­voll und un­be­re­chen­bar. Be­son­ders ge­lun­gen ist die Dar­stel­lung des dörf­li­chen Le­bens um 1900 – mit all sei­nen Ver­pflich­tun­gen, un­ge­sag­ten Wahr­hei­ten, dem Tratsch und den fest­ge­fah­re­nen Rol­len­bil­dern. Das schlicht ge­stal­te­te Co­ver spie­gelt den In­halt per­fekt wi­der.

Poe­sie der schot­ti­schen Küs­te

Mit ei­ner aus­druck­star­ken und poe­ti­schen Spra­che be­schreibt Ju­lia R. Kel­ly das Le­ben in Sker­ry in all sei­ner Dra­ma­tik. Ihr Schreib­stil ist ru­hig. Es geht nicht um gros­se Dra­men, eher um die fei­nen, lei­sen Töne. Ein fein­füh­li­ger Ro­man über Ver­lust, Zu­ge­hö­rig­keit und die Su­che nach ei­nem Platz im Le­ben. Dazu die raue Ku­lis­se der schot­ti­schen Küs­te, der peit­schen­de Wind, das to­sen­de Meer. Die Wär­me in den Häu­sern der Men­schen. Das Ge­schenk des Mee­res ist ein Ro­man über Lie­be, Ge­heim­nis­se und In­tri­gen mit viel Ge­fühl, Tie­fe und ei­nem Hauch Ma­gie. Eine Schwe­re strömt aus die­sem Buch, je­doch auch die Hoff­nung auf Hei­lung. Ge­gen Ende ent­fal­tet sich die Ge­schich­te über­ra­schend mit ei­ner be­rüh­ren­den In­ten­si­tät, mit ei­nem Schluss, der stim­mig wirkt und ein gu­tes Ge­fühl hin­ter­lässt. 

Hei­di Rech­stei­ner, Volks­bi­blio­thek Ap­pen­zell