- Bibliothek Herisau
- 25. Juni 2026
Ich, die ich Männer nicht kannte
Ich, die ich Männer nicht kannte : Roman / Jacqueline Harpman ; aus dem Französischen von Luca Homburg. – Stuttgart : Klett-Cotta, 2026 (978–3‑608–96670‑1)
Erhältlich auch als E‑Book unter:

Der Roman «Ich, die ich Männer nicht kannte» von Jacqueline Harpman, einer belgischen Schriftstellerin, ist eine dystopische, philosophische Erzählung über Isolation, Identität und Menschlichkeit. Das Buch ist 1995 erstmals auf Französisch erschienen, Jacqueline Harpman starb im Mai 2012.
«Wir warten auf etwas, ohne zu wissen worauf»
Die Geschichte wird aus der Perspektive einer jungen Frau erzählt, die zusammen mit 39 anderen Frauen etwa zwölf Jahre in einem unterirdischen Käfig gefangen gehalten wird. Keine von ihnen weiss, warum sie dort ist oder wer ihre Bewacher sind. Die Wächter sind Männer, welche die Frauen streng überwachen, aber kaum mit ihnen sprechen. Die Kleine, wie sie von den Frauen genannt wird, weiss nichts über die Aussenwelt, da sie schon als Kind gefangen genommen wurde – im Gegensatz zu den anderen Frauen, die sich zumindest bruchstückhaft an ihr früheres Leben erinnern.
Der Alltag im Käfig ist streng geregelt und monoton. Die Frauen entwickeln Routinen, Berührungen sind verboten, sprechen miteinander und versuchen, ihre Erinnerungen wachzuhalten. Die Erzählerin fühlt sich isoliert, weil sie keine Vergangenheit hat, auf die sie zurückgreifen kann. Dadurch stellt sie grundlegende Fragen:
- Was bedeutet es, ein Mensch zu sein?
- Ist Identität an Erinnerung gebunden?
- Wie entsteht ein «Ich» ohne Vergangenheit?
Eines Tages geschieht etwas Unerwartetes: Ein Alarm ertönt und die Wächter verschwinden plötzlich. Die Türen stehen offen, weil gerade Essensausgabe war und die Frauen können fliehen. Sie finden sich in einer verlassenen, wüstenähnlichen, scheinbar menschenleeren Welt wieder. Es gibt keine Männer, keine Gesellschaft, keine erkennbare Zivilisation mehr.
Die Gruppe versucht gemeinsam zu überleben, organisiert sich notdürftig und sucht nach Antworten – doch sie finden keine Hinweise darauf, was passiert ist. Sie suchen Nahrung und bauen Unterkünfte, sie entwickeln neue soziale Strukturen und lernen ohne die alte Ordnung zu leben. Die Kleine beobachtet alles mit einer gewissen Distanz. Ohne Erinnerungen ist sie weniger emotional gebunden und reflektiert die Ereignisse eher philosophisch als nostalgisch.
Nach und nach sterben die Frauen, bis die Kleine schliesslich allein in einer leeren Welt zurückbleibt. Trotz der völligen Isolation verfällt sie nicht in Verzweiflung. Stattdessen akzeptiert sie ihre Existenz und reflektiert:
- Was bedeutet Menschsein ohne Gesellschaft?
- Hat ein Leben ohne andere Menschen noch Sinn?
- Ist Bewusstsein allein schon ausreichend?
Sie entscheidet sich weiterzuleben, so lange wie möglich. Die Geschichte endet offen und lässt Raum für Interpretation.
Franziska Tschumi, Bibliothek Herisau