Wenn das Leben schwerer fällt

Wenn die Kra­ni­che nach Sü­den zie­hen : Ro­man / Lisa Rid­zén ; aus dem Schwe­di­schen von Ulla Acker­mann. – Mün­chen : btb Ver­lag, 2026. (978–3‑442–76296‑5)

«Wie konn­ten wir ei­nen Sohn be­kom­men, der mir das an­tut? Der mir al­les so schwer macht?» Dies sind die Ge­dan­ken, die der 89-jäh­ri­ge Bo hat, als ihm sein Hund Six­ten weg­ge­nom­men wer­den soll. Sein Sohn Hans ist der Mei­nung, es wür­de so­wohl Hund als auch Be­sit­zer da­nach bes­ser ge­hen. Seit Bos Frau in ei­nem Pfle­ge­heim für De­menz­kran­ke lebt, ist sein Le­ben zu Hau­se ein­sam ge­wor­den. Zum Glück hat er noch Six­ten und die täg­li­chen Be­su­che vom Pfle­ge­dienst. Auch Hans kommt ge­le­gent­lich vor­bei. Lei­der ist die Be­zie­hung zu sei­nem ein­zi­gen Sohn nicht die bes­te. Mit dem Ent­schluss von Hans, dass es bes­ser wäre, den Hund an ei­nem an­de­ren Ort un­ter­zu­brin­gen, sind die Span­nun­gen noch grös­ser ge­wor­den. Er fin­det es un­ver­ant­wort­lich in Bos Ge­sund­heits­zu­stand für ei­nen Hund zu sor­gen. Bo kann dies über­haupt nicht ver­ste­hen. Six­ten ist sein ein und al­les und er weiss, dass sein Le­ben ohne ihn sei­nen Sinn ver­liert. Schlei­chend merkt er, dass sich et­was im Ver­hält­nis zu sei­nem Sohn ver­än­dert hat: «Ich weiss nicht, wann es pas­siert ist, aber die Rol­len ha­ben sich ver­tauscht. Ob­wohl er, was Grös­se und Kraft an­geht, nie an mich her­an­ge­reicht hat, ist er nun der­je­ni­ge mit Au­to­ri­tät, der­je­ni­ge, der über mein Le­ben be­stimmt. Ich bin der Grund, dass es ihn gibt, trotz­dem bin ich es, der sich beu­gen muss, der von sei­nen Ent­schei­dun­gen ab­hän­gig ist. Ihm wird Ge­hör ge­schenkt, mir nicht.»

Ru­hi­ge Er­zähl­wei­se

Wer eine span­nen­de Ge­schich­te er­war­tet, wird ent­täuscht. Das Ende ist von Be­ginn weg vor­her­seh­bar. Der Er­zähl­stil des Bu­ches ist ru­hig und wie­der­keh­rend, for­mu­liert in kla­ren und scho­nungs­lo­sen Sät­zen. Die Ka­pi­tel be­schrei­ben ei­nen Som­mer lang ein­zel­ne Tage aus der Sicht von Bo. Da­bei neh­men wir oft teil an sei­nen Ge­dan­ken, in de­nen er zu sei­ner Frau spricht. Die­se Mo­no­lo­ge schen­ken ihm Trost und hel­fen, die ge­mein­sa­men Jah­re auf­le­ben zu las­sen. Je­des Ka­pi­tel be­inhal­tet auch eine oder meh­re­re kur­ze No­ti­zen der je­wei­li­gen dienst­ha­ben­den Pfle­ge­per­son, die un­ter an­de­rem be­schrei­ben wie es ihm geht, was er ge­ges­sen und ob er ge­schla­fen hat. Sein Ge­müts­zu­stand ist oft an­hän­gig von der an­we­sen­den Pfle­ge­per­son. Nicht jede schafft es gleich gut, sich in Bo hin­ein­zu­ver­set­zen und auf sei­ne Be­dürf­nis­se ein­zu­ge­hen.

No­ti­zen vom Pfle­ge­team

Die Idee zu die­sem Buch hat­te die schwe­di­sche Au­torin Liza Rid­zén, als sie No­ti­zen vom Pfle­ge­team ih­res Gross­va­ters ent­deck­te, nach­dem die­ser ge­stor­ben war. Die­se knap­pen, aus­sa­ge­kräf­ti­gen Kurz­be­rich­te ha­ben sie ver­an­lasst, die­sen Ro­man zu schrei­ben.

Liza Rid­zén ist ein wun­der­ba­res, glaub­haf­tes Buch ge­lun­gen, wel­ches trau­rig, wit­zig und hoff­nungs­voll zu­gleich ist. Die Ge­schich­te regt mit ehr­li­chem Re­spekt vor dem Al­ter zum Nach­den­ken an. Dar­um mö­gen alle die­ses Buch le­sen, die sich mit dem Al­ter be­fas­sen, dem ei­ge­nen oder dem in Form der äl­ter wer­den­den El­tern. Da­mit das ge­gen­sei­ti­ge Ver­ständ­nis hel­fen kann, Wün­sche zu er­ken­nen und zu ak­zep­tie­ren. Da­mit nicht nur die Fra­ge nach dem Sinn, son­dern die ei­ge­nen Be­dürf­nis­se im Zen­trum ste­hen – für ein zu­frie­de­nes und selbst­be­stimm­tes Le­ben, auch im Al­ter.

Ka­rin Sut­ter, Bi­blio­thek Teu­fen