- Mediathek der Kantonsschule Trogen
- 23. April 2026
Ein Dorf ohne Kinder
Die Wölfe unter uns : historischer Roman / Tim Sünderhauf. – München : dtv, 2025. (978–3‑423–22110‑8)

Wir schreiben das Jahr 1630. Mitten in den Wirren des Dreissigjährigen Krieges sucht eine calvinistische Müllerfamilie aus der Oberpfalz Zuflucht im abgelegenen Fichtelgebirge. Doch die erhoffte Sicherheit im kleinen Walddorf Albrechtsreut erweist sich rasch als trügerisch. Johann, der junge Sohn der Familie, bemerkt bald, dass etwas nicht stimmt: Im ganzen Ort gibt es keine Kinder mehr. Zwei von ihnen wurden grausam zugerichtet aufgefunden, die übrigen sind spurlos verschwunden.
Ein ungleiches Gespann
Während Johanns Familie mit den harten Lebensbedingungen der neuen Heimat und den religiösen Spannungen innerhalb der Dorfgemeinschaft ringt, macht ein unheimlicher Verdacht die Runde. Steckt hinter dem Verschwinden der Kinder der sagenumwobene «Wilde Jäger» – ein Wesen zwischen Mensch und Wolf, das nachts durch das dicht bewaldete, unwegsame Gebirge streifen soll?
Um der Sache auf den Grund zu gehen und wieder Ruhe und Ordnung in die Gegend zu bringen, entsendet der Markgraf den wortkargen Wildhüter Hildner in die nebelverhangenen Wälder. Der hünenhafte Ex-Söldner ist ein Mann fürs Grobe, gezeichnet von seiner Vergangenheit und nur allzu vertraut mit den Abgründen menschlichen Handelns. Für Aberglauben hat er nichts übrig.
Als Johann dem geheimnisvollen Wolfsmann eines Nachts tatsächlich gegenübersteht, verbindet dieses Erlebnis den neugierigen Jungen und den abgeklärten Wildhüter. Gemeinsam macht sich das ungleiche Gespann auf die gefährliche Suche nach der Wahrheit und folgt beharrlich einer Spur, die immer tiefer in ungeahnte Abgründe führt.
Aberglaube und Wirklichkeit
Mit «Die Wölfe unter uns» legt der Historiker Tim Sünderhauf einen Debütroman vor, der geschickt die Balance zwischen historischer Authentizität und schauerlicher Atmosphäre hält. Zwar greift der Autor Motive aus Mythen und dem tief verwurzelten Aberglauben der Zeit auf, driftet dabei jedoch nicht ins Fantastische ab. Vielmehr überzeugt das Buch durch eine sorgfältig recherchierte, lebendig gezeichnete Szenerie und durch Figuren, die mit all ihren Zweifeln, Hoffnungen und Ängsten eine eindringliche Lebendigkeit entfalten.
Der stimmige historische Rahmen, die vielschichtigen Figuren und die rasch an Intensität und Spannung gewinnende Handlung machen das Buch auch für Leserinnen und Leser interessant, denen Erzählungen aus vergangenen Epochen sonst eher fernstehen. Wer eine packende Geschichte sucht, die die düstere Stimmung des 17. Jahrhunderts eindrücklich einfängt und zeigt, dass die wahren Ungeheuer oft nicht in den Tiefen der Wälder, sondern mitten unter uns lauern, wird mit diesem fesselnden Debüt einen Roman finden, der lange nachhallt.
Christina Brunner, Mediathek der Kantonsschule Trogen