Zu Hause in der Fremde

Gast­ar­bei­ter / Vića Mit­ro­vić ; über­setzt aus dem Ser­bi­schen und be­ar­bei­tet von Cy­rill Stie­ger. – Schwell­brunn : For­ma­tOst, 2025. (978–3‑03895–071‑4)

Ei­nes Nachts träumt Vića Mit­ro­vić von ei­nem Was­ser­fall. Hin­ter den hin­ab­stür­zen­den Was­sern be­fin­det sich eine Höh­le, und dar­in Schät­ze, die von ei­nem Was­ser­geist be­wacht wer­den. Mit Ge­sang und Tanz lockt die­se böse Er­schei­nung gie­ri­ge Aben­teue­rin­nen und Aben­teu­rer in die Tie­fen der Gän­ge und in ihr Ver­der­ben.

In Ho­mol­je, der Hei­mat­re­gi­on Mit­ro­vićs in Ost­s­er­bi­en nahe der ru­mä­ni­schen Gren­ze, exis­tiert die­se Höh­le. Sie nennt sich «Krup­a­js­ko vre­lo». Die Er­in­ne­rung an den Traum und den exo­ti­schen Ort be­glei­ten Mit­ro­vić. Wir schrei­ben das Jahr 1968. Er ist 25 Jah­re alt. Zu­sam­men mit sei­nem Cou­sin reist er in die Schweiz. Nur für kur­ze Zeit, nicht für im­mer, sagt er sich. Aus «kur­ze Zeit» soll­ten über 40 Jah­re wer­den.

Wie er vom Gast­ar­bei­ter aus Ser­bi­en zum Ge­werk­schaf­ter, Dol­met­scher und schliess­lich zum Prä­si­den­ten des St.Galler Stadt­par­la­ments wird, von die­ser be­ruf­li­chen Kar­rie­re han­delt das Buch Gast­ar­bei­ter. Es bleibt aber nicht dort ste­hen. In nüch­ter­ner, prä­zi­ser, selbst­kri­ti­scher Spra­che re­flek­tiert Mit­ro­vić im kom­pak­ten, 120 Sei­ten Werk, das im Jahr 2025 im Ap­pen­zel­ler Ver­lag er­schie­nen ist, von sei­nem fa­cet­ten­rei­chen Le­ben in der Schweiz. An­schau­lich be­schreibt er die bit­te­ren An­fän­ge als Aus­ge­grenz­ter in ei­ner ihm frem­den Welt.

Eine gros­se Stär­ke des Buchs liegt in sei­ner Viel­schich­tig­keit und sei­nen un­ter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven, mit de­nen der Au­tor die ge­sell­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen sei­nes Le­bens in der Schweiz schil­dert. Da­bei geht es ihm nicht um Schuld­zu­wei­sun­gen oder den mo­ra­li­schen Zei­ge­fin­ger. Statt­des­sen er­zählt er von den sprach­li­chen Bar­rie­ren, von der har­ten kör­per­li­chen Ar­beit auf den Bau­stel­len ohne Ar­beits­be­wil­li­gung oder dem Ha­dern mit sei­nem Selbst­bild.

Mit sei­nem dif­fe­ren­zier­ten Nach­den­ken über die ei­ge­ne Iden­ti­tät und der Schil­de­rung der oft­mals wi­der­sprüch­li­chen Er­fah­run­gen von Men­schen, die zwi­schen zwei Kul­tu­ren le­ben, hebt sich das Buch über die blos­se Schil­de­rung ei­nes Ein­zel­schick­sals hin­aus. Be­son­ders ein­drück­lich be­schreibt Mit­ro­vić die per­sön­li­che In­te­gra­ti­on und den be­ruf­li­chen Er­folg nicht als ge­ra­de Li­nie, son­dern als Zick-Zack-Weg am Steil­hang, mit Stol­per­stei­nen ge­spickt und mit vie­len Lö­chern im Asphalt.

Der Ge­dan­ke an den Was­ser­fall lässt Mit­ro­vić bis zum Ende des Bu­ches nicht los. In sei­ner Bi­lanz auf den letz­ten Sei­ten be­rich­tet er von ei­ner Wirt­schafts­in­itia­ti­ve, das Edel­me­tall «Gold» mit gif­ti­gen in­dus­tri­el­len Mit­teln in den Tie­fen der Höh­le ab­zu­bau­en:

«Ich dach­te an die wun­der­ba­re Quel­le ‚Krup­a­js­ko vre­lo‘, von der ich vor mei­ner Ab­rei­se in die Schweiz ge­träumt hat­te, und wein­te.»

Oli­ver It­ten­sohn, Kan­tons­bi­blio­thek Ap­pen­zell Aus­ser­rho­den