- Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden
- 26. Februar 2026
Zu Hause in der Fremde
Gastarbeiter / Vića Mitrović ; übersetzt aus dem Serbischen und bearbeitet von Cyrill Stieger. – Schwellbrunn : FormatOst, 2025. (978–3‑03895–071‑4)

Eines Nachts träumt Vića Mitrović von einem Wasserfall. Hinter den hinabstürzenden Wassern befindet sich eine Höhle, und darin Schätze, die von einem Wassergeist bewacht werden. Mit Gesang und Tanz lockt diese böse Erscheinung gierige Abenteuerinnen und Abenteurer in die Tiefen der Gänge und in ihr Verderben.
In Homolje, der Heimatregion Mitrovićs in Ostserbien nahe der rumänischen Grenze, existiert diese Höhle. Sie nennt sich «Krupajsko vrelo». Die Erinnerung an den Traum und den exotischen Ort begleiten Mitrović. Wir schreiben das Jahr 1968. Er ist 25 Jahre alt. Zusammen mit seinem Cousin reist er in die Schweiz. Nur für kurze Zeit, nicht für immer, sagt er sich. Aus «kurze Zeit» sollten über 40 Jahre werden.
Wie er vom Gastarbeiter aus Serbien zum Gewerkschafter, Dolmetscher und schliesslich zum Präsidenten des St.Galler Stadtparlaments wird, von dieser beruflichen Karriere handelt das Buch Gastarbeiter. Es bleibt aber nicht dort stehen. In nüchterner, präziser, selbstkritischer Sprache reflektiert Mitrović im kompakten, 120 Seiten Werk, das im Jahr 2025 im Appenzeller Verlag erschienen ist, von seinem facettenreichen Leben in der Schweiz. Anschaulich beschreibt er die bitteren Anfänge als Ausgegrenzter in einer ihm fremden Welt.
Eine grosse Stärke des Buchs liegt in seiner Vielschichtigkeit und seinen unterschiedlichen Perspektiven, mit denen der Autor die gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen seines Lebens in der Schweiz schildert. Dabei geht es ihm nicht um Schuldzuweisungen oder den moralischen Zeigefinger. Stattdessen erzählt er von den sprachlichen Barrieren, von der harten körperlichen Arbeit auf den Baustellen ohne Arbeitsbewilligung oder dem Hadern mit seinem Selbstbild.
Mit seinem differenzierten Nachdenken über die eigene Identität und der Schilderung der oftmals widersprüchlichen Erfahrungen von Menschen, die zwischen zwei Kulturen leben, hebt sich das Buch über die blosse Schilderung eines Einzelschicksals hinaus. Besonders eindrücklich beschreibt Mitrović die persönliche Integration und den beruflichen Erfolg nicht als gerade Linie, sondern als Zick-Zack-Weg am Steilhang, mit Stolpersteinen gespickt und mit vielen Löchern im Asphalt.
Der Gedanke an den Wasserfall lässt Mitrović bis zum Ende des Buches nicht los. In seiner Bilanz auf den letzten Seiten berichtet er von einer Wirtschaftsinitiative, das Edelmetall «Gold» mit giftigen industriellen Mitteln in den Tiefen der Höhle abzubauen:
«Ich dachte an die wunderbare Quelle ‚Krupajsko vrelo‘, von der ich vor meiner Abreise in die Schweiz geträumt hatte, und weinte.»
Oliver Ittensohn, Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden