Umarme deine neue Existenz!

Es währt für im­mer und dann ist es vor­bei : Ro­man / Anne de Marcken ; aus dem Eng­li­schen von Cle­mens J. Setz. – Ber­lin : Suhr­kamp, 2025. (978–3‑518–43222‑8)

Wir ler­nen un­se­re Prot­ago­nis­tin ken­nen, kurz nach­dem sie ih­ren lin­ken Arm ver­lo­ren hat. Das ist je­doch nicht wei­ter schlimm. Eine Be­kann­te hat den Arm ge­fun­den. Und den Gleich­ge­wichts­sinn un­se­rer Prot­ago­nis­tin scheint die feh­len­de Glied­mas­se nicht gross zu stö­ren. Ein­zig wenn sie sich ins Bett legt, be­darf es ei­nes vor­sich­ti­gen Ba­lan­ce-Akts, um den Arm so hin­zu­le­gen, als wäre er noch an ihr dran. Ins­ge­samt also nicht wahn­sin­nig tra­gisch. Und über­haupt, un­se­re Prot­ago­nis­tin und Er­zäh­le­rin ist schliess­lich ein Zom­bie – da ge­hö­ren ab­fal­len­de Kör­per­tei­le qua­si zum All­tag.

Das Ho­tel im Dies­seits

Sie fris­tet ihr Da­sein in ei­nem Ho­tel mit zahl­rei­chen an­de­ren Zom­bies. Anne de Marckens Zom­bies sind je­doch nicht hirn­los um­her­ir­ren­de Schre­ckens­fi­gu­ren, wie sie oft in po­pu­lär­kul­tu­rel­len Me­di­en dar­ge­stellt sind. Tat­säch­lich wir­ken die Un­to­ten wie nor­ma­le Men­schen, de­ren Kör­per auf­ge­hört ha­ben zu ver­we­sen und da­durch die Fä­hig­keit ver­lo­ren ha­ben, zu ster­ben. Spe­zi­ell ist da­bei, dass sich Zom­bies nur lü­cken­haft an ihr vor­he­ri­ges Le­ben er­in­nern kön­nen. Ein­zel­ne Fa­cet­ten, wie zum Bei­spiel den ei­ge­nen Na­men, weiss nie­mand.

Hun­ger ohne Satt­heit

Die Zom­bies – und auch un­se­re Prot­ago­nis­tin – ha­ben kei­ne kör­per­li­chen Be­dürf­nis­se mehr. Sie brau­chen kei­nen Schlaf, kön­nen nicht krank wer­den oder ver­durs­ten. Nur «der Hun­ger» ist all­ge­gen­wär­tig. Ein un­ab­läs­si­ges Ver­lan­gen, das nicht be­frie­digt wer­den kann. Auch nach­dem un­se­re Prot­ago­nis­tin wäh­rend ei­nes Streif­zugs durch halb ver­las­se­ne Vor­städ­te ein ju­gend­li­ches Mäd­chen auf­spürt, reisst und frisst, wird sie nicht sat­ter. Der Hun­ger bleibt. Sie braucht kei­ne Nah­rung, sie kann nicht ver­hun­gern, und der Hun­ger bleibt un­ge­stillt.

Du

In Ich-Form er­zählt un­se­re Prot­ago­nis­tin ei­nem «Du» tag­buch­ar­tig, was sie er­lebt, denkt und fühlt. Das «Du» ist das ein­zigs­te, was sie von ih­rem frü­he­ren Le­ben ver­misst: Ih­ren Part­ner oder ihre Part­ne­rin. Sie er­in­nert sich an al­les, was sie zu­sam­men er­lebt ha­ben, je­doch we­der an den Na­men des «Du», noch wie er oder sie aus­sieht. Oder aus­ge­se­hen hat. Durch die­se teil­wei­se herz­lich in­ti­me Er­zäh­lung, die eine Per­son an ih­ren ge­lieb­ten Men­schen rich­tet, ge­lingt es Anne de Marcken ein­drück­lich dar­zu­stel­len, was Un­sterb­lich­keit wirk­lich be­deu­ten wür­de. Was mit Men­schen pas­siert, die be­dürf­nis­los für im­mer le­ben. Oder eben nur exis­tie­ren, um den un­still­ba­ren Hun­ger zu til­gen.

Lau­rin We­gel­in, Bi­blio­thek Gym­na­si­um St. An­to­ni­us Ap­pen­zell