- Bibliothek Gymnasium St. Antonius Appenzell
- 22. Januar 2026
Umarme deine neue Existenz!
Es währt für immer und dann ist es vorbei : Roman / Anne de Marcken ; aus dem Englischen von Clemens J. Setz. – Berlin : Suhrkamp, 2025. (978–3‑518–43222‑8)

Wir lernen unsere Protagonistin kennen, kurz nachdem sie ihren linken Arm verloren hat. Das ist jedoch nicht weiter schlimm. Eine Bekannte hat den Arm gefunden. Und den Gleichgewichtssinn unserer Protagonistin scheint die fehlende Gliedmasse nicht gross zu stören. Einzig wenn sie sich ins Bett legt, bedarf es eines vorsichtigen Balance-Akts, um den Arm so hinzulegen, als wäre er noch an ihr dran. Insgesamt also nicht wahnsinnig tragisch. Und überhaupt, unsere Protagonistin und Erzählerin ist schliesslich ein Zombie – da gehören abfallende Körperteile quasi zum Alltag.
Das Hotel im Diesseits
Sie fristet ihr Dasein in einem Hotel mit zahlreichen anderen Zombies. Anne de Marckens Zombies sind jedoch nicht hirnlos umherirrende Schreckensfiguren, wie sie oft in populärkulturellen Medien dargestellt sind. Tatsächlich wirken die Untoten wie normale Menschen, deren Körper aufgehört haben zu verwesen und dadurch die Fähigkeit verloren haben, zu sterben. Speziell ist dabei, dass sich Zombies nur lückenhaft an ihr vorheriges Leben erinnern können. Einzelne Facetten, wie zum Beispiel den eigenen Namen, weiss niemand.
Hunger ohne Sattheit
Die Zombies – und auch unsere Protagonistin – haben keine körperlichen Bedürfnisse mehr. Sie brauchen keinen Schlaf, können nicht krank werden oder verdursten. Nur «der Hunger» ist allgegenwärtig. Ein unablässiges Verlangen, das nicht befriedigt werden kann. Auch nachdem unsere Protagonistin während eines Streifzugs durch halb verlassene Vorstädte ein jugendliches Mädchen aufspürt, reisst und frisst, wird sie nicht satter. Der Hunger bleibt. Sie braucht keine Nahrung, sie kann nicht verhungern, und der Hunger bleibt ungestillt.
Du
In Ich-Form erzählt unsere Protagonistin einem «Du» tagbuchartig, was sie erlebt, denkt und fühlt. Das «Du» ist das einzigste, was sie von ihrem früheren Leben vermisst: Ihren Partner oder ihre Partnerin. Sie erinnert sich an alles, was sie zusammen erlebt haben, jedoch weder an den Namen des «Du», noch wie er oder sie aussieht. Oder ausgesehen hat. Durch diese teilweise herzlich intime Erzählung, die eine Person an ihren geliebten Menschen richtet, gelingt es Anne de Marcken eindrücklich darzustellen, was Unsterblichkeit wirklich bedeuten würde. Was mit Menschen passiert, die bedürfnislos für immer leben. Oder eben nur existieren, um den unstillbaren Hunger zu tilgen.
Laurin Wegelin, Bibliothek Gymnasium St. Antonius Appenzell