Was ich euch nicht erzählte

Ce­le­s­te Ng, Was ich euch nicht er­zähl­te : Ro­man. — Mün­chen : dtv, 2016. (978–3‑423–28075‑4)

Ly­dia ist tot. Aber das wis­sen sie noch nicht.
So die ers­ten Sät­ze die­ser viel­schich­ti­gen und be­rüh­ren­den Fa­mi­li­en­ge­schich­te aus dem asia­tisch-ame­ri­ka­ni­schen Mi­lieu der Sieb­zi­ger Jah­re.

Die sech­zehn­jäh­ri­ge Ly­dia Lee ver­schwin­det ei­nes Nachts aus ih­rem Da­heim in ei­ner Klein­stadt in Ohio. Als sie nicht zum Früh­stück er­scheint, be­ginnt ihre Fa­mi­lie – Va­ter Ja­mes, Mut­ter Ma­ri­lyn, Bru­der Na­than und die klei­ne Schwes­ter Han­nah – ver­zwei­felt nach ihr zu su­chen. Tage spä­ter be­merkt ein Spa­zier­gän­ger ein ver­las­se­nes, auf dem na­hen See trei­ben­des Ru­der­boot und die Po­li­zei fin­det die tote Ly­dia im Was­ser.

Schon bald stellt sich die Fra­ge nach ei­ner Selbst­tö­tung. Wes­halb war das Mäd­chen, das nicht schwim­men konn­te, nachts auf dem See? War sie über­haupt al­lein dort?

In zahl­rei­chen Rück­blen­den aus den ver­schie­dens­ten Per­spek­ti­ven zeigt sich den Le­sen­den je län­ger je mehr ein Bild der Fa­mi­lie Lee, das sich nicht im­mer deckt mit je­nem, das sich die El­tern im Lau­fe der Jah­re zu­recht­ge­rückt hat­ten. Was hat sich im Vor­feld von Ly­di­as Ver­schwin­den ab­ge­spielt?

Eine rich­ti­ge Bil­der­buch­fa­mi­lie

Ja­mes, Sohn chi­ne­si­scher Ein­wan­de­rer, und Ma­ri­lyn, die ame­ri­ka­ni­sche Stu­den­tin ler­nen sich an der Uni­ver­si­tät ken­nen. Ja­mes ar­bei­tet be­reits als Wis­sen­schaft­ler und Uni­ver­si­täts­do­zent und kann sein Glück nicht fas­sen, dass sich die­se in­tel­li­gen­te jun­ge Frau für ihn in­ter­es­siert. Als Chi­ne­se der Un­ter­schicht, der stets we­gen sei­ner Her­kunft ver­spot­tet wur­de und nie da­zu­ge­hört hat, sieht er das Glück end­lich auf sei­ner Sei­te.
Er hoff­te, im Col­lege wür­de sich al­les än­dern. Aber nach sie­ben Jah­ren in Har­vard hat­te sich nichts ge­än­dert. Ohne dass ihm der Grund be­wusst war, be­fass­te er sich wäh­rend sei­nes Stu­di­ums mit dem ame­ri­ka­nischs­ten The­ma über­haupt – Cow­boys –, aber sei­ne El­tern oder sei­ne Fa­mi­lie er­wähn­te er nie.

Ma­ri­lyn, einst an­ge­hen­de Me­di­zi­ne­rin, gibt ihre be­ruf­li­chen Am­bi­tio­nen auf und wid­met sich fort­an dem Wohl­erge­hen der Fa­mi­lie. Erst spä­ter wird ihr be­wusst, wie sehr sie zu ei­nem Ab­bild ih­rer Mut­ter wur­de, de­ren Le­ben sie doch so ver­ab­scheut hat­te.
Ohne Mann und Kin­der wäre es viel­leicht mög­lich ge­we­sen. Ich hät­te das schaf­fen kön­nen, dach­te Ma­ry­lin, und die Wor­te setz­ten sich in ihr fest wie Puz­zle­tei­le und scho­ckier­ten sie mit ih­rer Rich­tig­keit. Das hy­po­the­ti­sche Plus­quam­per­fekt, die Zeit der ver­pass­ten Chan­cen.

Vom Fluch der fal­schen Vor­stel­lun­gen

Auf ein­fühl­sa­me und sub­ti­le Art zeich­net die Au­torin auf, was mit den Kin­dern ge­sche­hen kann, wenn sich die El­tern zu sehr über ihre Söh­ne und Töch­ter de­fi­nie­ren, wenn sie ihre ei­ge­nen Le­bens­träu­me auf sie über­tra­gen und sie um je­den Preis vor den sel­ber er­lit­te­nen Ver­let­zun­gen schüt­zen wol­len.
Und Ly­dia – der un­frei­wil­li­ge Mit­tel­punkt ih­rer Fa­mi­lie – hielt je­den Tag die Welt zu­sam­men. Sie schluck­te die Träu­me ih­rer El­tern und un­ter­drück­te den Wi­der­wil­len, der in ihr bro­del­te.

Die trau­ri­gen Er­eig­nis­se zwin­gen die Fa­mi­li­en­mit­glie­der, ihr Le­ben zu über­den­ken und ein­ge­spiel­te Rol­len zu hin­ter­fra­gen. Ge­lingt ih­nen ein Neu­an­fang als Ge­mein­schaft?

Die­ses Buch ist der De­büt­ro­man von Ce­le­s­te Ng (sprich Ing), die sel­ber chi­ne­si­sche Wur­zeln hat. Sie lös­te mit die­sem Erst­ling in den USA eine enor­me Be­geis­te­rung aus, schaff­te sie es doch auf Platz 1 der Ama­zon-Top-100-Lis­te 2014, noch vor vie­len an­de­ren nam­haf­ten Au­toren. Auch ge­wann sie da­mit meh­re­re Prei­se.

Es­ther Gäh­ler, Bi­blio­thek Teu­fen