Das Licht im Land meines Vaters

Mu­rat Isik, Das Licht im Land mei­nes Va­ters : Ro­man. – Zü­rich : Ar­che, 2016. (ISBN 978–3‑7160–2744‑8)

Ein kar­ges, aber gu­tes Le­ben

Mi­ran ist zehn und wächst in den 1960er Jah­ren in ei­nem klei­nen Dorf auf, das einst von den Ar­me­ni­ern be­sie­delt war. Er ist der zweit­äl­tes­te Sohn der Fa­mi­lie Uslu, die dem kur­di­schen Volk der Zaza an­ge­hört und eine ei­ge­ne Spra­che spricht. Mi­rans Va­ter Se­lim ist Vieh­hir­te und ein ta­len­tier­ter, im Dorf sehr ge­schätz­ter Ge­schich­ten­er­zäh­ler und sei­ne schö­ne, ein­fluss­rei­che Frau eine lie­be­vol­le Mut­ter. Die Fa­mi­lie Uslu führt ein kar­ges, aber gu­tes Le­ben — bis die tür­ki­sche Re­gie­rung ei­nen Leh­rer ins Dorf schickt, der den Kin­dern Tür­kisch bei­brin­gen soll und Mi­rans El­tern zwingt, ih­ren Sohn fort­an Meh­met zu nen­nen. Kurz dar­auf zer­stört ein schwe­rer Un­fall des Va­ters die Exis­tenz­grund­la­ge der Us­lus und ver­än­dert al­les für im­mer. Se­lim ist von nun an nur noch ein Schat­ten sei­ner selbst, die Fa­mi­lie ver­sinkt zu­se­hends in Ar­mut und ist ge­zwun­gen, sich fern der Hei­mat et­was Neu­es auf­zu­bau­en.

Mu­rat Isik er­zählt die­se pa­cken­de Fa­mi­li­en­ge­schich­te wun­der­bar leicht­füs­sig und wie selbst­ver­ständ­lich, ohne die dra­ma­ti­schen Er­eig­nis­se zu ver­harm­lo­sen. Vor dem Hin­ter­grund der tür­ki­schen Ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts, dem Kon­flikt zwi­schen Sun­ni­ten und Ale­vi­ten, dem Völ­ker­mord an der Ar­me­ni­ern, dem rück­stän­di­gen Land und dem ra­san­ten Wirt­schafts­boom in den Städ­ten ent­steht eine bild­haf­te Vor­stel­lung da­von, wie es ist, al­les zu ver­lie­ren und wie schwie­rig Neu­an­fän­ge sind. Den­noch ist es eine Ge­schich­te der Hoff­nung, die den Le­ser / die Le­se­rin auf ei­ner emo­tio­na­len Rei­se mit der Fa­mi­lie Uslu mit­fie­bern lässt. Ein nach­hal­ti­ges Buch und ein be­ein­dru­cken­des De­but.

“Das Licht im Land mei­nes Va­ters” ist Mu­rat Isiks ers­ter Ro­man, für den er 2012 mit dem re­nom­mier­ten bel­gi­schen Pu­bli­kums­preis “De bron­ze uil” aus­ge­zeich­net wur­de. Er ver­liess die Tür­kei mit sei­ner Fa­mi­lie kurz vor dem Mi­li­tär­putsch im Jah­re 1980, zog zu­nächst nach Ham­burg und drei Jah­re spä­ter nach Ams­ter­dam, wo er Jura stu­dier­te.

An­drea Chris­ten­sen, Bi­blio­thek Spei­cher Tro­gen