Di Camillo, Kate. Die fabelhaften Abenteuer von Flora und Ulysses

Di Ca­mil­lo, Kate. Die fa­bel­haf­ten Aben­teu­er von Flo­ra und Ulys­ses ; aus dem ame­ri­ka­ni­schen Eng­lisch von Sa­bi­ne Lud­wig ; mit Il­lus­tra­tio­nen von K. G. Camp­bell. – Mün­chen : Deut­scher Ta­schen­buch Ver­lag, 2015.
(ISBN 978–3‑423–76103‑1)

Von Flo­ra und Ulys­ses

Flo­ra ist ein zor­ni­ges, 10jähriges Mäd­chen, das die Su­per­hel­den in ih­ren Co­mics viel lie­ber mag als die kit­schi­gen Lie­bes­ge­schich­ten in den Ro­ma­nen ih­rer Mut­ter. Ei­nes Ta­ges wird vor Flo­ras Au­gen ein Eich­hörn­chen durch eine Be­geg­nung mit ei­nem ul­trastar­ken Staub­sauger zu­fäl­lig in ei­nen Su­per­hel­den ver­wan­delt… Das Tier kann auf ein­mal flie­gen und tippt nachts Ge­dich­te auf der Schreib­ma­schi­ne von Flo­ras Mut­ter.

Es hat eine poe­ti­sche, me­lan­cho­li­sche Nei­gung und auch wenn es nicht spre­chen kann, so dich­tet es doch wun­der­bar und ver­ar­bei­tet so die un­glaub­li­chen Neue­run­gen in sei­nem Le­ben. Flo­ra und das Eich­hörn­chen, das sie Ulys­ses nennt, sind von nun an un­zer­trenn­lich: „Flo­ra hob das Kis­sen mit Ulys­ses dar­auf vor­sich­tig hoch und leg­te es ans Fus­sen­de. Dann zog sie sich den Schlaf­an­zug an, leg­te sich ins Bett und stell­te sich vor, wie in ei­ner Sprech­bla­se der fol­gen­de Satz über ihr an der De­cke auf­tauch­te: EIN SUPERHELDEN-EICHHÖRNCHEN LAG ZU IHREN FÜSSEN UND SIE WAR NICHT LÄNGER EINSAM. Ge­nau­so ist es, sag­te sie.“

Zu Flo­ra und Ulys­ses ge­sel­len sich im Lau­fe der Ge­schich­te noch ihr trau­ri­ger, ge­trennt le­ben­der Va­ter, eine Poe­sie lie­ben­de Nach­ba­rin, eine alte Dame, die im­mer noch auf Wun­der hofft, und ein selt­sa­mer Jun­ge, der vor­gibt, un­ter tem­po­rä­rer Blind­heit zu lei­den. Herr­lich skur­ri­le und lie­bens­wer­te Per­sön­lich­kei­ten! Dass hier ne­ben­bei ver­zwei­fel­te Tren­nungs- und Patch­work­ge­schich­ten ver­han­delt wer­den, fällt kaum auf. Eine tur­bu­len­te Hand­lung kommt in Gang. Das Eich­hörn­chen ge­rät in gros­se Ge­fahr und muss ge­ret­tet wer­den. Je­der in die­ser klei­nen Schick­sals­ge­mein­schaft gibt das, was er eben bei­tra­gen kann und was ge­mein­hin sein „Bes­tes“ ge­nannt wird. „Die fa­bel­haf­ten Aben­teu­er von Flo­ra und Ulys­ses“ ist ein ganz be­son­de­res Kin­der­buch mit be­son­de­ren Hel­den. Sie alle sind vom Le­ben nicht ge­ra­de ver­wöhnt, aber sie be­haup­ten sich auf trot­zig char­man­te Wei­se. Um den vom Eich­hörn­chen auf sie alle aus­ge­hen­den Im­puls zu be­schrei­ben, wird Ril­ke zi­tiert: “Von dei­nen Sin­nen aus­ge­sandt, geh‘ bis an dei­ner Sehn­sucht Rand.” Sät­ze, die man in ei­nem Kin­der­buch nicht un­be­dingt er­war­ten wür­de – aber auch wenn nicht alle Fein­hei­ten der phi­lo­so­phi­schen und selbst­iro­ni­schen Se­quen­zen für Kin­der hun­dert­pro­zen­tig ver­ständ­lich sind, wer­den sie doch spü­ren, wie tief und le­bens­klug die­se Ge­schich­te im Kern ist.

Die Schwarz-Weiss-Zeich­nun­gen im Co­mic-Stil, die die Ge­schich­te teil­wei­se selbst­stän­dig wei­ter er­zäh­len, sind als Re­fe­renz an die Co­mic-Lei­den­schaft der Hel­din zu se­hen, als Ver­beu­gung vor ei­nem manch­mal un­ter­schät­zen Gen­re, und aus­ser­dem – im Ge­gen­satz zu den Ril­ke-Zi­ta­ten – sehr kind­ge­recht. Die ame­ri­ka­ni­sche Au­torin Kate Di Ca­mil­lo hat für ihre Kin­der­bü­cher zu Recht schon vie­le Prei­se be­kom­men. „De­sper­aux – von ei­nem, der aus­zog, das Fürch­ten zu ler­nen“ war für den Deut­schen Ju­gend­li­te­ra­tur­preis no­mi­niert. 2014 wur­de sie für zwei Jah­re zur Bot­schaf­te­rin für US-ame­ri­ka­ni­sche Kin­der­li­te­ra­tur be­ru­fen. Mit „Die fa­bel­haf­ten Aben­teu­er von Flo­ra und Ulys­ses“ ist ihr ein so klu­ges und lus­ti­ges Buch ge­lun­gen, dass man es laut vor­le­sen und im­mer wie­der ver­schen­ken möch­te. Über­setzt, mit viel Sinn für fei­ne sprach­li­che Iro­nie, wur­de der Text von der be­kann­ten Ber­li­ner Kin­der­buch­au­to­rin Sa­bi­ne Lud­wig.

Fran­zis­ka Bann­wart, Ge­mein­de­bi­blio­thek Hei­den