- Bibliothek Schwellbrunn
- 24. September 2026
Pretty Woman für Realisten
Die zweitgrösste Liebe : Roman / Ruth-Maria Thomas. — München : dtv, 2026. (978–3‑423–28576‑6)

Der Wunsch nach einem Leben ohne finanzielle Sorgen mit einem Mann, der einem Märchenprinz ähnelt, – ein unausgesprochener Traum, den Frauen im Zeitalter von Selbstbestimmung nicht laut aussprechen, da inopportun und unpassend. Aber betrachtet man den Riesenerfolg, den der Film «Pretty Woman» und die BookTok-Medien mit entsprechenden Tropes verzeichnen, kommt man nicht umhin, an dieser vermeintlichen Realität zu zweifeln. Auffallend ist, dass in vielen kürzlich veröffentlichten Romanen die sozialen Unterschiede, einhergehend mit Hochstapelei, eine grosse Rolle spielen. Bei Emma Cline (Die Einladung) ist die Protagonistin explizit darauf aus, sich mit reichen Männern einzulassen, um an deren Luxusleben teilzuhaben. Auch Caroline Wahls Heldin Samara (1999 Meter über dem Meer) erfindet verschiedene Identitäten und nimmt mehr oder weniger unfreiwillig an der Welt der Superreichen teil. Bei Ruth-Thomas ist es Scham, nicht Hochstapelei, die die Romanheldin ihre Herkunft verleugnen lässt.
In ihrem zweiten Roman schreibt Thomas erneut über eine zum Scheitern verurteilte Liebesgeschichte. Während ihr Erstling und Bestseller «Die schönste Version» von häuslicher Gewalt handelte, stehen im aktuellen Roman «Klassenunterschiede» im Vordergrund. Es geht um die Beziehung zwischen der Hotelrezeptionistin Michelle und dem wohlhabenden Henry, die aber schon bald aufgrund unterschiedlicher Lebensrealitäten auf die Probe gestellt wird. Dass die Autorin als Sozialarbeiterin wirkte, widerspiegelt sich an der gesellschaftspolitischen Themenauswahl. Es sind die «feinen Unterschiede», die bald unüberwindbare Gräben zwischen Henry und Michelle aufklaffen lassen. Michelle stammt aus Ostdeutschland, wo sie beruflich gescheitert ist, und nun im Westen einen schwierigen Neuanfang startet. Henry kommt aus gehobenen bürgerlichen Verhältnissen. Geld ist kein Thema, worüber man spricht.
Das ständige «Mitdenken müssen» von Geld
Für Michelle kostet das Leben Energie. Freizeit, Essen: alles ist mit existentiellen Geldsorgen verknüpft. Obwohl Henry als fürsorglicher und liebevoller Partner beschrieben wird, entsteht durch das finanzielle Gefälle eine unbewusste Machtstruktur. Die Klassenunterschiede zeigen sich aber auch darin, wie unterschiedlich emotionaler Schmerz gewertet wird.
Michelle wirkt zuweilen empathielos und kalt, ja berechnend. Man erfährt, dass sie eine sehr harte Kindheit mit wenig Lichtblicken hinter sich hat. Ihr Leben ist von Ängsten und finanziellen Sorgen gezeichnet, die ihr eine bedingungslose Liebe unmöglich machen. Henry durchlebte zwar auch schwierige Momente in seiner Kindheit, aber er ist eingebettet in Fürsorge und finanzielle Unabhängigkeit. Dies ermöglicht ihm bedingungslose Liebe und Empathie. Geld macht glücklich – das merkt Michelle sehr schnell, aber sie möchte unabhängig bleiben und hält Henry hin. Ihre Art, ihre Sprache und ihr Umgang wirken zuweilen abstossend und ruppig, aber Henry braucht sie, um sein Leben strahlender zu machen, weil sie die Dinge leidenschaftlich angeht und nichts für sie selbstverständlich ist. Sie braucht Henry jedoch, um ihr Funkeln zu entfalten.
Die Themen Armut, Korrumpierbarkeit, Verliebtsein und kurzes Glück werden ohne Sentimentalität und mit Präzision erzählt.
Um es gleich vorwegzunehmen: Der Roman endet nicht in der Rettung der Prinzessin im «Turm» durch den Prinzen wie in «Pretty Woman». Wir leben schliesslich in einer modernen und emanzipierten Welt…
Cornelia Schmidli, Bibliothek Schwellbrunn