Drei Namen, drei Leben

Die Na­men : Ro­man / Flo­rence Knapp ; Über­set­zung aus dem Eng­li­schen von Lisa Kö­ge­böhn. – Köln : Eich­born, 2026. (978–3‑8479–0229‑4)

Er­hält­lich auch als E‑Hörbuch un­ter:

Was be­stimmt, wer wir sind und wer wir wer­den? 1987 nimmt Cora ihre neun­jäh­ri­ge Toch­ter mit zum Stan­des­amt, um dort ih­ren neu­ge­bo­re­nen Sohn ein­tra­gen zu las­sen. Auf­grund der lan­gen Tra­di­ti­on der Fa­mi­lie ih­res Ehe­man­nes wird er­war­tet, dass das Kind sei­nen Na­men und den sei­ner Vor­fah­ren be­kommt. Aber soll er wirk­lich den Na­men tra­gen, den Ge­ne­ra­tio­nen von do­mi­nan­ten Män­nern vor ihm hat­ten?

«Denn Gor­don ist der Name, der in der Fa­mi­lie ih­res Man­nes von Va­ter zu Sohn wei­ter­ge­ge­ben wird, und ein Ab­wei­chen da­von scheint un­mög­lich. Trotz­dem hält es sie nicht da­von ab, sich wie­der in Er­in­ne­rung zu ru­fen, wie oft sie schon ge­dacht hat, dass der Name ei­ner Per­son ih­ren Le­bens­weg be­ein­flusst ha­ben könn­te.»

Maia, die Toch­ter, möch­te ih­rem klei­nen Bru­der den Na­men Bear ge­ben. Bär, wie je­mand, den man in den Arm neh­men kann und der in den Arm nimmt, und der da­bei trotz­dem mu­tig und stark ist. Cora möch­te ih­ren Sohn Ju­li­an nen­nen und hofft, dass die Be­deu­tung «Him­mels­va­ter» ih­ren Mann gnä­dig stimmt. Mit ei­nem an­de­ren Na­men als dem sei­ner Vor­fah­ren möch­te sie ih­rem Kind ei­nen ei­gen­stän­di­gen Le­bens­weg er­mög­li­chen.

In Ab­stän­den von je­weils sie­ben Jah­ren trifft man auf drei Ver­sio­nen des Le­bens des Kin­des und sei­ner Fa­mi­lie: Bear, Ju­li­an und Gor­don. Drei Na­men, drei Schick­sa­le, ge­prägt von Wi­der­stand, Lie­be und den Aus­wir­kun­gen, die eine ein­zi­ge Wahl auf ein Le­ben ha­ben kann. Kann eine Ent­schei­dung al­les än­dern und gibt es ei­nen Aus­weg aus dem vor­ge­zeich­ne­ten Weg des Er­bes und der Tra­di­ti­on?

Je nach Ein­trag in der Ge­burts­ur­kun­de än­dern sich Ver­lauf und Dy­na­mik der Ge­schich­te. Per­so­nen aus dem Um­feld blei­ben gleich, ihre Rol­le und ihr Ein­fluss aber än­dern sich mit dem Schick­sal der Fa­mi­lie. Die ein­zel­nen Uni­ver­sen blei­ben ge­schickt mit­ein­an­der ver­wo­ben, und un­mit­tel­bar ver­gleicht man die un­ter­schied­li­chen Le­bens­we­ge.

Wel­chen Ein­fluss ha­ben die Gene, wel­chen die Na­men auf Men­schen? Ist ein Name tat­säch­lich Pro­gno­se? War­um blei­ben Frau­en in ge­walt­tä­ti­gen Ehen? Wel­chen Ein­fluss hat eine schwie­ri­ge Fa­mi­li­en­si­tua­ti­on auf die Kin­der, auf ihre Be­zie­hungs­fä­hig­keit und ihr Ver­trau­en in an­de­re Men­schen in ih­rem wei­te­ren Le­ben? Mit den un­ter­schied­li­chen Le­bens­we­gen, die sich je nach Na­men ge­stal­ten, greift die Au­torin die­se Fra­ge­stel­lun­gen auf.

Der Ro­man be­schreibt ein span­nen­des, cle­ver auf­ge­bau­tes Ge­dan­ken­ex­pe­ri­ment. Im Kern aber wer­den häus­li­che Ge­walt und de­ren Aus­wir­kun­gen auf eine Fa­mi­lie the­ma­ti­siert. Ob­wohl es in die­sem emo­tio­na­len Buch um Schmerz und schwie­ri­ge Le­bens­um­stän­de geht, ist trotz­dem im­mer Platz für Hoff­nung.

Die bri­ti­sche Au­torin Flo­rence Knapp hat Fach­bü­cher ge­schrie­ben und mit «Die Na­men» de­bü­tiert. Mit die­sem Ro­man ist ihr der in­ter­na­tio­na­le Durch­bruch ge­lun­gen – mei­nes Er­ach­tens zu­recht.

An­drea Zür­cher, Bi­blio­thek Re­he­to­be