- Volksbibliothek Appenzell
- 23. Juli 2026
Zart, eindringlich und voller menschlicher Tiefe
Das Geschenk des Meeres : Roman / Julia R. Kelly ; aus dem Englischen von Claudia Feldmann. – Hamburg : mare, 2025. (978–3‑86648–748‑2)
Erhältlich auch als E‑Book unter:

Schottland, in einer kalten Winternacht im Jahre 1900. Am Strand wird ein bewusstloser Junge angeschwemmt. Der Fischer Joseph findet ihn und trägt ihn ins Dorf Skerry. Das Kind sieht aus wie der vermisste Sohn der Lehrerin Dorothy, der vor vielen Jahren im Meer verschwand. Im Dorf herrscht Fassungslosigkeit. Ausgerechnet Dorothy nimmt den Jungen bei sich auf, bis seine Herkunft geklärt ist. Dorothy’s Lebensweg ist von Verlusten geprägt und in der Dorfgemeinschaft nimmt sie die Rolle einer Aussenseiterin ein. Teils hat sie sich diese selbst auferlegt, teils wird sie ihr durch die starren sozialen Strukturen des Ortes zugewiesen. Eine Frau mit Ecken und Kanten, die man gerne zwischendurch wachrütteln möchte. Sie ist jedoch sehr authentisch. Lang verdrängte Geheimnisse werden wieder lebendig. Warum wurden Dorothy und der Fischer Joseph nie ein Paar, obwohl es offensichtlich ist, dass sie sich lieben? Im Dorf wächst die Unruhe.
Ergreifendes Buch, das tief berührt
Das Geschenk des Meeres erzählt von Erinnerung, Verlust und der vorsichtigen Hoffnung auf einen Neuanfang. Es ist eine wunderschön zeitlose Geschichte. Menschen stehen im Mittelpunkt, die durch Krieg, Trennung und persönliche Schicksalsschläge geprägt sind und versuchen, wieder Halt im Leben zu finden. Die raue Küstenlandschaft und das Meer spielen dabei eine wichtige symbolische Rolle. Sie wirken tröstend, geheimnisvoll und unberechenbar. Besonders gelungen ist die Darstellung des dörflichen Lebens um 1900 – mit all seinen Verpflichtungen, ungesagten Wahrheiten, dem Tratsch und den festgefahrenen Rollenbildern. Das schlicht gestaltete Cover spiegelt den Inhalt perfekt wider.
Poesie der schottischen Küste
Mit einer ausdruckstarken und poetischen Sprache beschreibt Julia R. Kelly das Leben in Skerry in all seiner Dramatik. Ihr Schreibstil ist ruhig. Es geht nicht um grosse Dramen, eher um die feinen, leisen Töne. Ein feinfühliger Roman über Verlust, Zugehörigkeit und die Suche nach einem Platz im Leben. Dazu die raue Kulisse der schottischen Küste, der peitschende Wind, das tosende Meer. Die Wärme in den Häusern der Menschen. Das Geschenk des Meeres ist ein Roman über Liebe, Geheimnisse und Intrigen mit viel Gefühl, Tiefe und einem Hauch Magie. Eine Schwere strömt aus diesem Buch, jedoch auch die Hoffnung auf Heilung. Gegen Ende entfaltet sich die Geschichte überraschend mit einer berührenden Intensität, mit einem Schluss, der stimmig wirkt und ein gutes Gefühl hinterlässt.
Heidi Rechsteiner, Volksbibliothek Appenzell