Ich, die ich Männer nicht kannte

Ich, die ich Män­ner nicht kann­te : Ro­man / Jac­que­line Harp­man ; aus dem Fran­zö­si­schen von Luca Hom­burg. – Stutt­gart : Klett-Cot­ta, 2026 (978–3‑608–96670‑1)

Er­hält­lich auch als E‑Book un­ter:

Der Ro­man «Ich, die ich Män­ner nicht kann­te» von Jac­que­line Harp­man, ei­ner bel­gi­schen Schrift­stel­le­rin, ist eine dys­to­pi­sche, phi­lo­so­phi­sche Er­zäh­lung über Iso­la­ti­on, Iden­ti­tät und Mensch­lich­keit. Das Buch ist 1995 erst­mals auf Fran­zö­sisch er­schie­nen, Jac­que­line Harp­man starb im Mai 2012.

«Wir war­ten auf et­was, ohne zu wis­sen wor­auf»

Die Ge­schich­te wird aus der Per­spek­ti­ve ei­ner jun­gen Frau er­zählt, die zu­sam­men mit 39 an­de­ren Frau­en etwa zwölf Jah­re in ei­nem un­ter­ir­di­schen Kä­fig ge­fan­gen ge­hal­ten wird. Kei­ne von ih­nen weiss, war­um sie dort ist oder wer ihre Be­wa­cher sind. Die Wäch­ter sind Män­ner, wel­che die Frau­en streng über­wa­chen, aber kaum mit ih­nen spre­chen. Die Klei­ne, wie sie von den Frau­en ge­nannt wird, weiss nichts über die Aus­sen­welt, da sie schon als Kind ge­fan­gen ge­nom­men wur­de – im Ge­gen­satz zu den an­de­ren Frau­en, die sich zu­min­dest bruch­stück­haft an ihr frü­he­res Le­ben er­in­nern.

Der All­tag im Kä­fig ist streng ge­re­gelt und mo­no­ton. Die Frau­en ent­wi­ckeln Rou­ti­nen, Be­rüh­run­gen sind ver­bo­ten, spre­chen mit­ein­an­der und ver­su­chen, ihre Er­in­ne­run­gen wach­zu­hal­ten. Die Er­zäh­le­rin fühlt sich iso­liert, weil sie kei­ne Ver­gan­gen­heit hat, auf die sie zu­rück­grei­fen kann. Da­durch stellt sie grund­le­gen­de Fra­gen:

  • Was be­deu­tet es, ein Mensch zu sein?
  • Ist Iden­ti­tät an Er­in­ne­rung ge­bun­den?
  • Wie ent­steht ein «Ich» ohne Ver­gan­gen­heit?

Ei­nes Ta­ges ge­schieht et­was Un­er­war­te­tes: Ein Alarm er­tönt und die Wäch­ter ver­schwin­den plötz­lich. Die Tü­ren ste­hen of­fen, weil ge­ra­de Es­sens­aus­ga­be war und die Frau­en kön­nen flie­hen. Sie fin­den sich in ei­ner ver­las­se­nen, wüs­ten­ähn­li­chen, schein­bar men­schen­lee­ren Welt wie­der. Es gibt kei­ne Män­ner, kei­ne Ge­sell­schaft, kei­ne er­kenn­ba­re Zi­vi­li­sa­ti­on mehr.

Die Grup­pe ver­sucht ge­mein­sam zu über­le­ben, or­ga­ni­siert sich not­dürf­tig und sucht nach Ant­wor­ten – doch sie fin­den kei­ne Hin­wei­se dar­auf, was pas­siert ist. Sie su­chen Nah­rung und bau­en Un­ter­künf­te, sie ent­wi­ckeln neue so­zia­le Struk­tu­ren und ler­nen ohne die alte Ord­nung zu le­ben. Die Klei­ne be­ob­ach­tet al­les mit ei­ner ge­wis­sen Di­stanz. Ohne Er­in­ne­run­gen ist sie we­ni­ger emo­tio­nal ge­bun­den und re­flek­tiert die Er­eig­nis­se eher phi­lo­so­phisch als nost­al­gisch.

Nach und nach ster­ben die Frau­en, bis die Klei­ne schliess­lich al­lein in ei­ner lee­ren Welt zu­rück­bleibt. Trotz der völ­li­gen Iso­la­ti­on ver­fällt sie nicht in Ver­zweif­lung. Statt­des­sen ak­zep­tiert sie ihre Exis­tenz und re­flek­tiert:

  • Was be­deu­tet Mensch­sein ohne Ge­sell­schaft?
  • Hat ein Le­ben ohne an­de­re Men­schen noch Sinn?
  • Ist Be­wusst­sein al­lein schon aus­rei­chend?

Sie ent­schei­det sich wei­ter­zu­le­ben, so lan­ge wie mög­lich. Die Ge­schich­te en­det of­fen und lässt Raum für In­ter­pre­ta­ti­on.

Fran­zis­ka Tschu­mi, Bi­blio­thek He­ris­au