- Bibliothek Teufen
- 21. Mai 2026
Wenn das Leben schwerer fällt
Wenn die Kraniche nach Süden ziehen : Roman / Lisa Ridzén ; aus dem Schwedischen von Ulla Ackermann. – München : btb Verlag, 2026. (978–3‑442–76296‑5)

«Wie konnten wir einen Sohn bekommen, der mir das antut? Der mir alles so schwer macht?» Dies sind die Gedanken, die der 89-jährige Bo hat, als ihm sein Hund Sixten weggenommen werden soll. Sein Sohn Hans ist der Meinung, es würde sowohl Hund als auch Besitzer danach besser gehen. Seit Bos Frau in einem Pflegeheim für Demenzkranke lebt, ist sein Leben zu Hause einsam geworden. Zum Glück hat er noch Sixten und die täglichen Besuche vom Pflegedienst. Auch Hans kommt gelegentlich vorbei. Leider ist die Beziehung zu seinem einzigen Sohn nicht die beste. Mit dem Entschluss von Hans, dass es besser wäre, den Hund an einem anderen Ort unterzubringen, sind die Spannungen noch grösser geworden. Er findet es unverantwortlich in Bos Gesundheitszustand für einen Hund zu sorgen. Bo kann dies überhaupt nicht verstehen. Sixten ist sein ein und alles und er weiss, dass sein Leben ohne ihn seinen Sinn verliert. Schleichend merkt er, dass sich etwas im Verhältnis zu seinem Sohn verändert hat: «Ich weiss nicht, wann es passiert ist, aber die Rollen haben sich vertauscht. Obwohl er, was Grösse und Kraft angeht, nie an mich herangereicht hat, ist er nun derjenige mit Autorität, derjenige, der über mein Leben bestimmt. Ich bin der Grund, dass es ihn gibt, trotzdem bin ich es, der sich beugen muss, der von seinen Entscheidungen abhängig ist. Ihm wird Gehör geschenkt, mir nicht.»
Ruhige Erzählweise
Wer eine spannende Geschichte erwartet, wird enttäuscht. Das Ende ist von Beginn weg vorhersehbar. Der Erzählstil des Buches ist ruhig und wiederkehrend, formuliert in klaren und schonungslosen Sätzen. Die Kapitel beschreiben einen Sommer lang einzelne Tage aus der Sicht von Bo. Dabei nehmen wir oft teil an seinen Gedanken, in denen er zu seiner Frau spricht. Diese Monologe schenken ihm Trost und helfen, die gemeinsamen Jahre aufleben zu lassen. Jedes Kapitel beinhaltet auch eine oder mehrere kurze Notizen der jeweiligen diensthabenden Pflegeperson, die unter anderem beschreiben wie es ihm geht, was er gegessen und ob er geschlafen hat. Sein Gemütszustand ist oft anhängig von der anwesenden Pflegeperson. Nicht jede schafft es gleich gut, sich in Bo hineinzuversetzen und auf seine Bedürfnisse einzugehen.
Notizen vom Pflegeteam
Die Idee zu diesem Buch hatte die schwedische Autorin Liza Ridzén, als sie Notizen vom Pflegeteam ihres Grossvaters entdeckte, nachdem dieser gestorben war. Diese knappen, aussagekräftigen Kurzberichte haben sie veranlasst, diesen Roman zu schreiben.
Liza Ridzén ist ein wunderbares, glaubhaftes Buch gelungen, welches traurig, witzig und hoffnungsvoll zugleich ist. Die Geschichte regt mit ehrlichem Respekt vor dem Alter zum Nachdenken an. Darum mögen alle dieses Buch lesen, die sich mit dem Alter befassen, dem eigenen oder dem in Form der älter werdenden Eltern. Damit das gegenseitige Verständnis helfen kann, Wünsche zu erkennen und zu akzeptieren. Damit nicht nur die Frage nach dem Sinn, sondern die eigenen Bedürfnisse im Zentrum stehen – für ein zufriedenes und selbstbestimmtes Leben, auch im Alter.
Karin Sutter, Bibliothek Teufen