Ein Dorf ohne Kinder

Die Wöl­fe un­ter uns : his­to­ri­scher Ro­man / Tim Sün­der­hauf. – Mün­chen : dtv, 2025. (978–3‑423–22110‑8)

Wir schrei­ben das Jahr 1630. Mit­ten in den Wir­ren des Dreis­sig­jäh­ri­gen Krie­ges sucht eine cal­vi­nis­ti­sche Mül­ler­fa­mi­lie aus der Ober­pfalz Zu­flucht im ab­ge­le­ge­nen Fich­tel­ge­bir­ge. Doch die er­hoff­te Si­cher­heit im klei­nen Wald­dorf Al­brechts­reut er­weist sich rasch als trü­ge­risch. Jo­hann, der jun­ge Sohn der Fa­mi­lie, be­merkt bald, dass et­was nicht stimmt: Im gan­zen Ort gibt es kei­ne Kin­der mehr. Zwei von ih­nen wur­den grau­sam zu­ge­rich­tet auf­ge­fun­den, die üb­ri­gen sind spur­los ver­schwun­den.

Ein un­glei­ches Ge­spann

Wäh­rend Jo­hanns Fa­mi­lie mit den har­ten Le­bens­be­din­gun­gen der neu­en Hei­mat und den re­li­giö­sen Span­nun­gen in­ner­halb der Dorf­ge­mein­schaft ringt, macht ein un­heim­li­cher Ver­dacht die Run­de. Steckt hin­ter dem Ver­schwin­den der Kin­der der sa­gen­um­wo­be­ne «Wil­de Jä­ger» – ein We­sen zwi­schen Mensch und Wolf, das nachts durch das dicht be­wal­de­te, un­weg­sa­me Ge­bir­ge strei­fen soll?

Um der Sa­che auf den Grund zu ge­hen und wie­der Ruhe und Ord­nung in die Ge­gend zu brin­gen, ent­sen­det der Mark­graf den wort­kar­gen Wild­hü­ter Hild­ner in die ne­bel­ver­han­ge­nen Wäl­der. Der hü­nen­haf­te Ex-Söld­ner ist ein Mann fürs Gro­be, ge­zeich­net von sei­ner Ver­gan­gen­heit und nur all­zu ver­traut mit den Ab­grün­den mensch­li­chen Han­delns. Für Aber­glau­ben hat er nichts üb­rig.

Als Jo­hann dem ge­heim­nis­vol­len Wolfs­mann ei­nes Nachts tat­säch­lich ge­gen­über­steht, ver­bin­det die­ses Er­leb­nis den neu­gie­ri­gen Jun­gen und den ab­ge­klär­ten Wild­hü­ter. Ge­mein­sam macht sich das un­glei­che Ge­spann auf die ge­fähr­li­che Su­che nach der Wahr­heit und folgt be­harr­lich ei­ner Spur, die im­mer tie­fer in un­ge­ahn­te Ab­grün­de führt.

Aber­glau­be und Wirk­lich­keit

Mit «Die Wöl­fe un­ter uns» legt der His­to­ri­ker Tim Sün­der­hauf ei­nen De­büt­ro­man vor, der ge­schickt die Ba­lan­ce zwi­schen his­to­ri­scher Au­then­ti­zi­tät und schau­er­li­cher At­mo­sphä­re hält. Zwar greift der Au­tor Mo­ti­ve aus My­then und dem tief ver­wur­zel­ten Aber­glau­ben der Zeit auf, drif­tet da­bei je­doch nicht ins Fan­tas­ti­sche ab. Viel­mehr über­zeugt das Buch durch eine sorg­fäl­tig re­cher­chier­te, le­ben­dig ge­zeich­ne­te Sze­ne­rie und durch Fi­gu­ren, die mit all ih­ren Zwei­feln, Hoff­nun­gen und Ängs­ten eine ein­dring­li­che Le­ben­dig­keit ent­fal­ten.

Der stim­mi­ge his­to­ri­sche Rah­men, die viel­schich­ti­gen Fi­gu­ren und die rasch an In­ten­si­tät und Span­nung ge­win­nen­de Hand­lung ma­chen das Buch auch für Le­se­rin­nen und Le­ser in­ter­es­sant, de­nen Er­zäh­lun­gen aus ver­gan­ge­nen Epo­chen sonst eher fern­ste­hen. Wer eine pa­cken­de Ge­schich­te sucht, die die düs­te­re Stim­mung des 17. Jahr­hun­derts ein­drück­lich ein­fängt und zeigt, dass die wah­ren Un­ge­heu­er oft nicht in den Tie­fen der Wäl­der, son­dern mit­ten un­ter uns lau­ern, wird mit die­sem fes­seln­den De­büt ei­nen Ro­man fin­den, der lan­ge nach­hallt.

Chris­ti­na Brun­ner, Me­dia­thek der Kan­tons­schu­le Tro­gen