Eine Geschichte, die einfach nur gut tut

Mat­hil­de und Ma­rie : Ro­man / Tors­ten Woy­wod. – Mün­chen : dtv, 2026. (978–3‑423–28512‑4)

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In ei­ner Zeit, in der wir uns im­mer häu­fi­ger mit der Fra­ge kon­fron­tiert se­hen, ob die Welt all­mäh­lich aus den Fu­gen ge­rät oder ob es nur un­ser ei­ge­nes Bild der Welt ist, das zu­se­hends ins Wan­ken ge­rät, dür­fen wir all das Gute nicht aus den Au­gen ver­lie­ren, das wei­ter­hin exis­tiert.
 
In Redu, dem klei­nen Bü­cher­dorf, in dem die­ser Ro­man spielt, exis­tiert das Gute. So­wie es auch in der le­ben­di­gen Na­tur er­fahr­bar ist, die die­sen Ort in­mit­ten der bel­gi­schen Ar­den­nen um­gibt. Hier, wo das In­ter­net nur eine Stun­de täg­lich ver­füg­bar ist, be­steht das Netz aus ech­ten Be­zie­hun­gen und wird Ver­bin­dung ge­pflegt, die das Herz und die See­le wärmt.

Eine Rei­se ins Un­ge­wis­se
Ma­rie, die Prot­ago­nis­tin, ver­lässt Pa­ris und ihr be­kann­tes Le­ben, ohne zu wis­sen, wo­hin die Rei­se geht. Mu­tig folgt sie dem Ruf und der Sehn­sucht ih­res Her­zens. Eine ein­zi­ge Be­geg­nung ver­än­dert ihr gan­zes Le­ben. Sie wird ge­prüft und fin­det am Ende das, was letzt­end­lich we­sent­lich ist und wo­nach wir uns alle seh­nen: Zu­frie­den­heit, wahr­haf­ti­ge Be­zie­hun­gen, Ge­mein­schaft, sinn­haf­tes Wir­ken, Zeit und Mus­se, um sich an der Schön­heit und Kost­bar­keit des Le­bens zu er­freu­en.
 
Die­se Ge­schich­te macht Mut, aus­ge­tre­te­ne Pfa­de zu ver­las­sen. Sie lädt ein, auf­zu­bre­chen, wenn das Le­ben kei­nen Sinn mehr macht und die Le­ben­dig­keit fehlt. Sie for­dert auf, los­zu­las­sen, um Raum zu schaf­fen, in dem das Le­ben zu­rück­fin­det in sei­ne na­tür­li­che Ord­nung und Neu­es sich ent­fal­ten kann.

Wohl­tu­en­de Ent­schleu­ni­gung
Die Cha­rak­te­re, die Na­tur, Stim­mun­gen und Be­geg­nun­gen wer­den mit so viel Auf­merk­sam­keit und Lie­be für das De­tail be­schrie­ben, dass es mir als Le­se­rin leicht­fällt, in den Fluss der Hand­lung ein­zu­tau­chen. Der Au­tor zoomt das Ge­sche­hen her­an, so dass die Ge­schich­te mit al­len Sin­nen er­fahr­bar wird, in Form von Bil­dern, Ge­rü­chen, Klän­gen, Stim­mun­gen, Land­schaf­ten, Mi­mi­ken, Ges­ten und Ge­füh­len. Das er­zeugt in mir beim Le­sen ein wohl­tu­en­des Ge­fühl der Ent­schleu­ni­gung, der Ruhe und Be­schau­lich­keit. Es lässt mich in­ne­hal­ten und führt mir vor Au­gen, was we­sent­lich ist.
 
Die­se Ge­schich­te lebt von Schlicht­heit, von Lang­sam­keit und von klei­nen, zar­ten Ges­ten, die von Her­zen kom­men.
 
Ganz ein­fach Mensch sein
Für mich ist die­se Ge­schich­te eine gute Nach­richt. Sie gibt mir Hoff­nung, dass Wan­del sich in ganz klei­nen, ein­fa­chen, un­schein­ba­ren und un­spek­ta­ku­lä­ren Ges­ten, Ge­sprä­chen, in der auf­rich­ti­gen Hin­wen­dung zu mir selbst, an­de­ren Men­schen, Tie­ren und zur Na­tur voll­zie­hen kann. Die «Lö­sung» muss nicht im­mer teu­er und kom­pli­ziert sein, son­dern liegt in un­se­rem ganz na­tür­li­chen und ein­fa­chen «Mensch­sein». 

Si­mo­ne Gant­ner, Bi­blio­thek Spei­cher Tro­gen