Wie wichtig war / ist / bleibt uns Kurt Marti?

Guy Krneta & Loui­sen, rosa loui : Hom­mage an Kurt Mar­ti. — Lu­zern : Der ge­sun­de Men­schen­ver­sand, 2015. (978–3‑03853–017‑6)

Vor zwei­ein­halb Mo­na­ten ist Pfar­rer Mar­ti, Dich­ter Mar­ti, Buch­au­tor Mar­ti ver­stor­ben, 96-jäh­rig. Kei­ner von uns sei un­ent­behr­lich, sagt man leicht­hin und denkt ans Ver­lie­ren eher als ans Ver­schwin­den. Mit Kurt Mar­ti ha­ben in­des­sen bei­de Dis­zi­pli­nen, die Theo­lo­gie und die Schö­ne Li­te­ra­tur in der Schweiz, ei­nen Ex­po­nen­ten ver­lo­ren. Tröst­lich: es über­blei­ben gut und gern acht­zig Ver­öf­fent­li­chun­gen – in Bü­che­rei­en, Ar­chi­ven, In­sti­tu­ten, auch in Ge­mein­de­bi­blio­the­ken.

Aber Mar­tis wie­der und wie­der be­stür­zen­de Stim­me fehlt; es man­gelt, nicht nur hier­zu­lan­de, an An­stös­sen, das Schrei­ben, das Pre­di­gen, das Glau­ben zu über­den­ken. Von wem künf­tig die Dis­kur­se, Skiz­zen, Got­tes­be­fra­gun­gen und Spät­sät­ze? Von wem die nächs­ten „ge­dich­te am rand“, „rosa loui“-Aussagen, „al­fa­beet“- und „heil-vetia“-Dichtungen? Von wem die „Pa­ra­bu­ri-Sprach­trau­be“, das „Abratzky“-Lexikon, die meer- und al­pen-ly­rik, das nächs­te „Fuss­gän­ger­buch“, an­de­res Got­tes­lob und fer­ne­re Le­bens­er­mu­ti­gung? Wei­ter­hin treff­li­che „Sät­ze, Sprün­ge, Spi­ra­len“, nicht al­lein in Ta­ge­bü­chern?

Bü­cher­bü­cher­bü­cher — und jetzt auch CDs

Mit­te Fe­bru­ar die­ses Jah­res hat Ga­brie­le Bar­bey in ei­nem Post­skrip­tum no­tiert, es ge­hör­ten ins An­ge­bot öf­fent­li­cher Bi­blio­the­ken auch an­de­re Me­di­en als das Buch, dazu ge­hö­re auch die Be­reit­stel­lung von Spie­len al­ler Art. Eben­die­ser An­sicht sind of­fen­bar die Ver­ant­wort­li­chen des Spo­ken-Word-Un­ter­neh­mens „Ge­sun­der Men­schen­ver­sand“. Vor fünf Jah­ren ist de­ren Hom­mage an Ernst Eg­gi­mann er­schie­nen, zwei Au­dio-CDs mit Ge­dich­ten des ge­lob­ten be­zie­hungs­wei­se zu er­in­nern­den Em­men­ta­ler Schrift­stel­lers, al­ler­dings von frem­dem Spre­cher re­zi­tiert; auf der zwei­ten Com­pact Disk Wid­mungs­tex­te zeit­ge­nös­si­scher Mund­art-Kön­ner resp. Sprech­vir­tuo­sin­nen. Und un­längst, gut Jah­res­frist, ha­ben eben­die Lu­zer­ner Ver­le­ger eine Hom­mage an Kurt Mar­ti auf den Markt ge­bracht, die Ver­le­ben­di­gung von Ge­dich­ten in Hoch­spra­che und Dia­lekt, „gredt vom Ou­tor“; da­ne­ben Sport, Ex­pe­ri­ment, Jon­gla­ge mit Mar­ti-Tex­ten durch Guy Krneta – um­spielt, ver­tont, ge­rockt, be­glei­tet von ei­ner Mu­si­ker­grup­pe na­mens Loui­sen. Ihr Vor­satz wört­lich: Kurt Mar­ti die Ehre er­wei­sen.

Taugt ein Book­let als Buch­ersatz?

Die Auf­trit­te der Loui­sen-Grup­pe fal­len ins Jahr 2014, Mar­tis Ly­rik „ir Bär­ner Um­gangs­schprach“ und sei­ne Ge­dich­te in Schrift­spra­che da­tie­ren aus den end­sech­zi­ger und an­fang­s­ieb­zi­ger Jah­ren, eben­falls de­ren Re­zi­ta­ti­on durch His Master’s Voice. Mit der Wie­der­ga­be so frü­her Ori­gi­nal-Auf­nah­men sind also vier, ja fünf Jahr­zehn­te über­brückt. Im Be­gleit-Auf­satz zur Dop­pel-CD (Book­let 2–10) weist Fre­di Lerch hin auf des Schrift­stel­ler-Pfar­rers Ver­dienst, den Ber­ner Dia­lekt aufs bes­te Ni­veau li­te­ra­ri­scher Aus­sa­ge ge­ho­ben zu ha­ben. Er er­in­nert al­ler­dings auch dar­an, dass Mar­ti die hand­kehrum er­folg­te Mund­art­wel­le rasch su­spekt ge­wor­den sei und er sich, um ja kei­ne Mode zu be­die­nen, ent­schlos­sen habe, nie mehr Dia­lekt­ge­dich­te zu schrei­ben.

Wie wich­tig ist uns Mar­tis Ver­mächt­nis?

Guy Krnet­as Hom­mage ist ab so­fort aus­leih­bar. Im Rüü­ti­ger Bi­blio­the­klein fän­de man aus­ser­dem Mar­tis No­ti­zen von 1979, Pas­si­ons­ly­rik von 1981, „Kla­gen, Wün­sche, Lie­der“ von 1987, die Drei­ei­nig­keits­leh­re von 1989, Ge­dich­te von 1995, wel­che das Got­tes­bild um­krei­sen, das Bänd­chen „Rüh­mung“ von 2007, Re­fle­xio­nen zur Ver­gäng­lich­keit aus dem Jahr 2010/11. Ohne Um­stän­de be­sorg­te ein hie­si­ger Mar­ti-Par­ti­san wei­te­re dreis­sig Ti­tel, in­be­grif­fen des Schrift­stel­lers be­deu­ten­des Früh­werk.

Rai­ner Stöck­li, Ge­mein­de­bi­blio­thek Reu­te