Die Attentäter

An­to­nia Mi­chae­lis, Die At­ten­tä­ter. Ham­burg : Oeting­er, 2016. (978–3‑7891–0456‑5)

Ein auf­wüh­len­des Ju­gend­buch, das auch Er­wach­se­ne an­spricht. Mit­reis­send und ge­fühl­voll. Nach­denk­lich, er­schüt­ternd. Ein brand­ak­tu­el­les The­ma und ein be­klem­men­der Blick in die Ab­grün­de des Ter­ro­ris­mus.

Cliff, Alain und Mar­ga­re­te ken­nen ein­an­der seit­dem sie vier Jah­re alt sind. Die drei wach­sen in ei­nem Ber­li­ner Miet­haus auf, ver­brin­gen ihre Tage zu­sam­men, spie­len zu­sam­men und zeich­nen ger­ne.
Aber wäh­rend Mar­ga­re­te und Alain in in­tak­ten mo­dern-bür­ger­li­chen Fa­mi­li­en auf­wach­sen, lebt Cliff bei sei­nem trin­ken­den Va­ter, die Mut­ter hat die Fa­mi­lie ver­las­sen. Leicht ist das nicht. Auch dass die zwei Jun­gen sich über die Jah­re im­mer stär­ker zu­ein­an­der hin­ge­zo­gen füh­len, möch­te Cliff nicht wahr­ha­ben. Er wird zu­neh­mend wü­tend. Auf sich, auf die Welt.

Nach ei­nem schlim­men Vor­fall fängt Cliff ganz neu an – und wen­det sich dem Is­lam zu, des­sen Re­geln und Vor­schrif­ten ihm den Halt ge­ben, den er braucht. Er kon­ver­tiert, ra­di­ka­li­siert sich und ver­schwin­det. Ein Jahr spä­ter taucht er wie­der in Ber­lin auf. Hat er sich wirk­lich ver­än­dert, wie sei­ne bei­den Freun­de hof­fen? Dann über­schla­gen sich die Er­eig­nis­se in Ber­lin und am Ende ist nichts mehr so, wie es vor­her war.

Ein­dring­lich und nach­klin­gend

Die Au­torin be­schreibt meis­ter­haft, wel­che Ent­wick­lung ihre Prot­ago­nis­ten durch­lau­fen, die Kämp­fe und Zer­ris­sen­heit, die­ses Schwan­ken und Hof­fen, die Sehn­sucht nach Ret­tung. Da­bei wird die Ge­schich­te ab­wech­selnd aus der Sicht von Alain, Cliff und Mar­gar­te er­zählt und wech­selt zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart. Man­che Er­eig­nis­se wer­den aus al­len drei Per­spek­ti­ven er­zählt. So sind es am An­fang vie­le Bruch­stü­cke, die erst nach und nach ein voll­stän­di­ges Bild er­ge­ben.

Die Ge­schich­te ver­langt dem Le­ser ei­ni­ges ab — vor al­lem emo­tio­nal ge­se­hen. Doch man wird im­mer wie­der be­lohnt: durch die poe­ti­sche Spra­che (“Der Him­mel war hell­blau und fa­den­schei­nig an die­sem Tag wie et­was, das wir so lan­ge be­nutzt hat­ten, bis es bei­na­he zer­riss.” [S. 13]) und die stim­mungs­ge­la­de­nen Bil­der (“Alain fühl­te sich wie­der glück­lich und hat­te gleich­zei­tig Angst. Das schwar­ze Fun­keln in Cliffs Blick frass sich in sein In­ne­res, wie ein Schatz aus ei­nem Mär­chen, der über­all, wo er ein­mal liegt, ver­brann­te Erde hin­ter­lässt.” [S. 32])
Wie wird ein Mensch zu ei­nem At­ten­tä­ter? Was hat er er­lebt? Was hat ihn ge­prägt? Wie ent­steht das Böse? In “Die At­ten­tä­ter” nä­hert sich die Au­torin die­sen Fra­gen be­hut­sam an.

Auch ge­walt­tä­ti­ge Sze­nen wer­den nicht aus­ge­spart, da­her die Al­ters­emp­feh­lung erst ab 16 Jah­ren. Im Ver­gleich zu an­de­ren Ju­gend­bü­chern weist „Die At­ten­tä­ter“ re­la­tiv viel Bru­ta­li­tät auf und ist nichts für Zart­be­sai­te­te.

Die Au­torin

An­to­nia Mi­chae­lis wur­de 1979 in Nord­deutsch­land ge­bo­ren und wuchs in Süd­deutsch­land auf. Nach dem Ab­itur zog es sie in die wei­te Welt. Sie ar­bei­te­te un­ter an­de­rem in Süd­in­di­en, Ne­pal und Peru. Heim­ge­kehrt stu­dier­te sie in Greifs­wald Me­di­zin und be­gann par­al­lel dazu, Ge­schich­ten für Kin­der und Ju­gend­li­che schrei­ben. Seit ei­ni­gen Jah­ren lebt sie als freie Schrift­stel­le­rin in der Nähe der In­sel Use­dom und hat zahl­rei­che Kin­der- und Ju­gend­bü­cher ver­öf­fent­licht. Fa­cet­ten­reich, fan­ta­sie­voll und mit gros­sem Er­folg. Gleich ihr ers­tes Buch für jun­ge Er­wach­se­ne, „Der Mär­chen­er­zäh­ler“, wur­de für den Deut­schen Ju­gend­li­te­ra­tur­preis no­mi­niert.

Co­rin­ne Graf, Bi­blio­thek Spei­cher-Tro­gen